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Die Schwerkraft der Zeit

Die Uhr des mechanischen Zeitalters kennt drei Zeiger: Stunde, Minute, Sekunde. Diese differenzierte Messung ist das gängige Modell einer Zeitauffassung, die alltägliche Abläufe misst, strukturiert und qualifiziert. Zeit und Raum sind im alltäglichen Sprachgebrauch ganz selbstverständlich zum Zeitraum verschmolzen. Jede Handlung hat ihren zeitlichen und örtlichen Rahmen. Zeit ist ein kostbares Gut, dass immer im Spannungsfeld der eigenen Bedürfnisse und der offiziellen Vorgaben verhandelt wird. Die Zeit misst sich auch in Größen wie Qualität, Nutzen, Abhängigkeit und Freiheit. Die Verwaltung der Zeit und die Hoheit über ihren Inhalt spiegelt sich auf allen institutionellen, sozialen und individuellen Feldern wider und ist geprägt von gegenseitiger Durchdringung.

Ein klassischer Science-Fiction-Topos ist die Zeitreise. Denken wir diese als lineare Vor - und Rückwärtsbewegung, dann lässt sich durch Erhöhung der Geschwindigkeit jeder Ort in einem historischen Raum erreichen. H.G. Wells Zeitmaschine (2) ist in diesem Sinne eine konservative und konservatorische Erfindung, die die Vergangenheit aufbewahrt und die Zukunft sichtbar werden lässt.  In dem Roman „Peripherie“ ist Zeit ein Mittel der Manipulation, der Täuschung und der Restriktion. Verbunden sind die Zeitebenen und Figuren des Romans durch ein Übertragungsmedium, das Zeit, Ort und Kontext so komplex verwebt, dass eine klare Verortung nahezu unmöglich ist: Zeiträume sind dort tatsächliche Orte. Die Protagonisten können ihren tatsächlichen Status im Raum-Zeitkontinuum niemals eindeutig ermitteln.

Salvator Dalis bekanntes Bild von der „Beständigkeit der Erinnerung“ aus dem Jahr 1931 (3) lässt den herkömmlichen Zeitbegriff surreal zerfließen. Die im Bild dargestellten „weichen Uhren“ sind eine formbare Masse, die als Träger von Zeit untauglich erscheinen. Jede Uhr im Bild zeigt eine andere Stunde an. Der Raum ist in diesem Bild ein entscheidender Faktor: In seiner Ödnis und Weite ist die Projektion der Erinnerung gefangen und klammert sich an Symbole und Zeichen, die Beständigkeit der evozierten Bilder ist relativ. Auch Harold Llyod greift knapp zehn Jahre zuvor das Bild einer Uhr auf. 1923 (4) hängt er am Stundenzeiger einer großen mechanischen Uhr. Der Stundenzeiger wird hier als rettender Strohhalm interpretiert. Gerade eben scheint der Protagonist noch leichtfüßig die Fassade eines Wolkenkratzers zu erklimmen, da holt ihn die Physik ein und lässt seinen Körper nach unten stürzen. Immer wieder vermag er sich zu fangen und festzuhalten. Der Kulminationspunkt ist sein Griff nach dem Zeiger einer am Gebäude befindlichen Uhr.

Durch das Gewicht seines am Zeiger hängenden Körpers verändert sich die Uhrzeit. Das Körpergewicht erzeugt eine neue Zeitrechnung: Nicht die Ziffer ist länger entscheidend, einzig Gewicht und Schwerkraft zählen. Die Uhr(-zeit) stoppt den freien Fall. Präziser könnte die Fallhöhe im Raum-Zeitkontinuum nicht gezeigt werden. Nicht umsonst öffnet sich die Uhr, kippt das riesenhafte Zifferblatt nach vorne und offenbart einen Blick in die Mechanik. Die Zeitmessung offenbart ihren eigentlichen Ursprung. Wenn auch mathematisch wohlbegründet ist sie nicht weniger relativ als jede andere behauptete Ordnung.

Die Uhr an der Garnisonkirche in Potsdam läuft vor und zurück und zeigt die absurde Genauigkeit des Titels von Daniel Pollers Arbeit an: „Viertel nach vor“. Parallel zur unruhigen Bewegung des Zeigers läuft in Pollers Animation die Architektur in wechselnden Bildern aus dem formalen Ruder. Ähnlich der „weichen“ Uhren bei Dali wird hier ein festes Objekt zur formbaren Masse. Poller verwandelt die vermeintlich historische Wahrheit in eine amorphe Farce der Interpretation. Auch wenn die Garnisonkirche real existierte, ist sie heute nur noch eine symbolische Projektion. Als Ort immer wieder überhöht und bedeutungsschwer aufgeladen durch Kirche, Militär und Staat. Als Barockarchitektur ist sie auch Trägerin einer weithin sichtbaren Zeitmessung: Der Kirchturm als große preußisches Standuhr.